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Auf der Suche nach einem neuen Kultur-Natur-Verhältnis

Christa Müller hat am 28.06.2016 auf der Degrowth-Plattform einen Online-Beitrag veröffentlicht: Die Urban-Gardening-Bewegung. Auf der Suche nach einem neuen Kultur-Natur-Verhältnis.

Auszug: Die aus meiner Sicht größte zu überwindende Illusion ist die dualistische Trennung von Natur und Kultur. In den letzten fünf Jahrhunderten hat sie die Kolonisierung von Natur und von menschlichen Gemeinschaften (die zu Zwecken ihrer Ausbeutung zu Natur erklärt wurden) gerechtfertigt. Heute können wir Natur als ein komplexes System von Interaktionen erkennen, wie es zum Beispiel Bruno Latour mit seinem Konzept von Nat/Cult (Nature/Culture) vorschlägt; mit diesem versucht der französische Soziologe sowohl die kulturelle Bedingtheit der Natur als auch die Natureingebundenheit von Menschen begrifflich zu fassen (vgl. Latour 2014). Schon in den 1990er Jahren entwarf Latour eine gesellschaftliche Perspektive, die die fragilen, vielfältigen Netzwerke in einem lebendigen Kosmos von menschlichen und nicht menschlichen Wesen in den soziologischen Blick rückt.

Die urbane Praxis des gemeinschaftlichen Gärtnerns kann man im Lichte dieser Vision deuten: Visuell irritiert sie die Trennung von Stadt und Land, und es entsteht eine ökologische Sensibilität, die sowohl im Verhältnis zu den Dingen als auch im Verhältnis zu Pflanzen und Tieren ihren Ausdruck findet. Ich möchte das kurz veranschaulichen am Beispiel des 2014 erschienenen Handbuchs zum Lernen in urbanen Gärten (Halder u. a. 2014). Das im Do-it-yourself-Siebdruck gestaltete Cover des Handbuchs von Berliner Gartenaktivist*innen lässt sich mit ein wenig Bildhermeneutik als ein eigenes Universum lesen: Maispflanzen umwuchern eine Hochhauslandschaft, Tomaten sprießen auf Dächern und eine überdimensionierte Maiskolben-Heuschrecke schaut sich in aller Ruhe im urbanen Biotop um. Im Buchinnern treffen wir auf eine Gießkanne mit Vogelbeinen und einen Menschen mit Zwiebelkörper: Bruno Latours „Parlament der Dinge“ lässt grüßen: Hier sind Pflanzen und Tiere keine Ressourcen, sondern selbst Akteur*innen, die ein Recht auf ihnen gemäße Umwelten in der Stadtgesellschaft haben.

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Stand: 21.02.2018 Druckversion
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